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Münchhausen-Syndrom bei der Wettervorhersage. Die Realität ist eine andere.

Es gibt nichts Schöneres, als morgens aufzuwachen und mit einem kräftigen Schluck heißer Kaffeesensation die neueste Flut an Online-Artikeln zu durchstöbern, die scheinbar aus denselben Quellen stammen wie die guten alten Märchen von Münchhausen. Es ist einfach zu herrlich, wie das Wetter, einst ein simpler Smalltalk-Starter und Vorwand für schüchternes Schweigen, sich in ein Politikum verwandelt hat, das wohl nur mit dem diplomatischen Geschick eines UN-Botschafters zu navigieren ist. Man könnte sich kaum eine bessere Unterhaltung vorstellen als die neueste Sensationsmeldung über die kommende Hitzewelle, die angeblich sogar Graf Dracula innerhalb weniger Minuten zu Staub zerfallen lässt – darauf hat die Welt gewartet!

All das Drama und die hyperventilierenden Überschriften führen uns wie die treu unterjochten Leser, die wir sind, in das sorgfältig gesponnene Netz der sogenannten Wetter-Experten, die wahrscheinlich mehr Ahnung vom Kaffeesatzlesen als von Meteorologie haben. Und dann, oh Wunder der modernen Technik, bieten einige dieser Artikel gar die „unverfälschte Wahrheit“ an – wie schwülstig romantisch! Na, wollen Sie die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit über das Wetter? Dann greifen Sie schnell zu diesem Artikel, bevor er genauso substanzlos verpufft wie die vorhergesagten Hitzewellen.

Zunächst möchte ich auf weitere Höhepunkte aus der Welt der Nachrichten eingehen, welche derzeit bei Google und Co zu finden sind. Den Text habe ich mir nicht angeschaut, da dies eine reine Zeitverschwendung darstellt.

Ich darf Ihnen an dieser Stelle mitteilen, dass in Deutschland derzeit keine Hitzewelle ansteht. Und selbst wenn ich ganz tief in die Glaskugel schaue, sehe ich keine Periode mit Temperaturen, welche 3 Tage über 30 Grad am Tage und nicht weniger als 20 Grad in der Nacht zeigen. So definiert man eine Hitzewelle. Die Hitzewelle befindet sich derzeit an anderer Stelle in Europa und dort sind nach jetzigem Stand Temperaturen bis zu 40 Grad nicht ausgeschlossen.

Münchhausen-Syndrom bei der Wettervorhersage. Die Realität ist eine andere. 15. Juli 2024
Temperaturen in der nächsten Woche laut GFS über Europa.

In den Balkan-Staaten bahnt sich derzeit die große Hitze an, dabei sind unter anderem Temperaturen über 40 Grad nicht ausgeschlossen. Doch bei uns in Deutschland würde nach jetzigem Stand nur der Osten und der Südosten etwas von diesem Hitzekuchen abbekommen, wobei auch hier gilt, sind 32 Grad Hitze oder einfach nur Sommer? Im Westen des Landes bleibt es in den kommenden Tagen mäßig warm und Sie müssen sich keine Gedanken darüber machen, dass unter der Sonne ähnlich wie Graf Dracula zu Staub zerfallen.

Während die Hitze bei uns also eher eine „Eintagsfliege“ ist, ist die Situation im Südwesten der Vereinigten Staaten von Amerika eine ganz andere. Bereits seit der letzten Junidekade kommt es vorwiegend in den Bundesstaaten Kalifornien, Nevada und Arizona zu einer massiven Hitzewelle. Ein sich kaum veränderndes Strömungsmuster ermöglicht zum einen die Heranführung von heißen Luftmassen aus Süden, zum anderen können sich diese vor Ort durch hochdruckbedingten ungestörten Sonnenschein massiv aufheizen. An den letzten Tagen wurden beispielsweise im Kalifornischen Längstal Höchstwerte zwischen 40 und 48 Grad Celsius gemessen. In der Großstadt Las Vegas (Bundesstaat Nevada) stieg das Thermometer sogar vorübergehend auf 49 Grad. Der eindeutige Hitze-Hotspot war aber einmal mehr das sogenannte „Death Valley“ in der Mojave-Wüste. Jene Touristen, die sich noch dorthin trauten, mussten mit Temperaturen von bis zu 53 Grad zurechtkommen.

Quelle Deutscher Wetterdienst
Münchhausen-Syndrom bei der Wettervorhersage. Die Realität ist eine andere. 15. Juli 2024
Der Wetter-Trend für Frankfurt am Main in den nächsten 14 Tagen

Diese Grafik zeigt Ihnen den aktuellen Wetter-Trend für Frankfurt am Main in den kommenden 14 Tagen. Ja, es wird trockener und die Sonne bekommt eine weitere Chance, sich ohne Störungen zu entfalten. Doch die Temperaturen bleiben weiterhin in einem normalen Bereich. Wobei 28 Grad vollkommen ausreichend sind. Doch um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, das alles ist keine Hitzewelle und wird auch keine werden.

Also, liebe Leser, wir können uns entspannt zurücklehnen. Die Hitzewelle, die in dramatischen Schlagzeilen als der ultimative Endgegner heraufbeschworen wird, bleibt aus. Deutschland bleibt vorerst von der Apokalypse verschont, und so müssen wir uns weiterhin mit „nur“ Sommertemperaturen zufriedengeben. Genießen Sie also Ihren Kaffee und die weniger aufregenden 28 Grad, ohne Angst, sich in Graf Dracula zu verwandeln.

Angelo D Alterio

Angelo D'Alterio ist ein leidenschaftlicher Autor auf dem Gebiet der Meteorologie, der sich bereits seit dem Jahr 2013 intensiv mit Wetterphänomenen auseinandersetzt. Mit einem tiefen Verständnis für Unwetterwarnungen und Synoptik hat Angelo im Laufe seiner Karriere einen bemerkenswerten Beitrag zur Meteorologie geleistet. Im Jahr 2015 setzte er sein Wissen und seine Begeisterung produktiv ein, indem er Mitgründer und Chef-Meteorologe der Unwetteralarm Schweiz GmbH wurde, einer Initiative, die bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2021 wuchs. Anschließend inspirierte Angelo D'Alterio die Gründung der Meteoleitstelle Hessen, wo er seine Fachkenntnisse weiterhin einbringt. Durch seine Erfahrungen und Spezialgebiete, insbesondere im Bereich Unwetterwarnungen, etablierte… More »
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