Nordwetter

Dauerregen im Anmarsch: Bringt das Tauwetter die erwartete Entspannung für Norddeutschland?

Großwetterlage

Lageeinschätzung: Synoptik/Isobaren dienen als Hintergrund für den Nordbericht.
Europa-Isobarenkarte (Großwetterlage)

Druckverteilung über Europa als Hintergrundinformation zur Großwetterlage.

Die Wetterlage über Europa präsentiert sich weiterhin dynamisch und von atlantischen Tiefdrucksystemen dominiert. Das Islandtief “ALINA”, dessen Zentrum sich weit südwestlich von Island befindet, hat eine breite Frontalzone über den Atlantik aufgebaut, die sich bis nach Mitteleuropa erstreckt. Auf der Vorderseite dieses Tiefs hat sich ein flacher Hochdruckrücken gebildet, der in der kommenden Nacht auf Deutschland übergreift. Dieser Rücken wird von Warmluftadvektion (WLA) überlaufen – bildlich gesprochen ein Warmluftschub, der die nächste Warmfront ankündigt.

Diese Warmfront ist Teil eines umfangreichen Frontensystems, das zu “ALINA” gehört. Bevor der stratiforme Regen der Warmfront im Laufe der Nacht den Westen erreicht und sich rasch ostwärts ausbreitet, müssen wir uns von den letzten Ausläufern des “Vorgängerregens” im Süden und Südosten verabschieden, was bis nach Mitternacht dauern kann. “ALINA” selbst wird sich Island annähern, jedoch knapp hinter dem 20. Längengrad West verharren und sich anschließend abschwächen.

Grund dafür ist “BARBARA”, ein weiteres kräftiges Tiefdruckgebiet, das von Neufundland her die atlantische Bühne betritt.

Die Warmluftadvektion auf der Vorderseite von “BARBARA” bekommt “ALINA” nicht gut, weshalb “ALINA” frühzeitig für Nachwuchs sorgt. Konkret bildet sich an der Okklusion zwischen Island und Schottland ein kleines Teiltief (“ALINA II”), das morgen Mittag die Färöer-Inseln in Richtung südliche Norwegische See überquert. Für uns bedeutet dies die vollständige Passage der Warmfront und der Genuss eines breiten Warmsektors – also Luftmassen, die ursprünglich aus subtropischen Regionen stammen.

Spätestens am Mittag erreicht uns dann schleifend eine Kaltfront von der Nordsee und den Niederlanden. Diese Kaltfront ist jedoch thermisch wenig aktiv, da der Temperaturunterschied zwischen den Luftmassen nicht sehr groß ist.

Die Luft selbst wird durch die hochreichende Bewölkung und den Niederschlag zum Aufsteigen gezwungen. Auch wenn die Kaltluft selbst nicht so kalt ist, zwingt sie die wärmere Luft in der Höhe, die Feuchtigkeit abzugeben.

Wir müssen uns auf ein Wetter einstellen, das sich von seiner ungemütlichen Seite zeigt. Während der Regen der Warmfront im Laufe des Vormittags weitgehend nach Osten abzieht, erreicht bereits das nächste Regengebiet, das mit der Kaltfront verbunden ist, den Westen und Nordwesten Deutschlands. Dieses Regengebiet breitet sich mit Verlagerung der Kaltfront nach Südosten aus und erfasst bis zum Abend weite Teile des Landes.

Im Norden und in der Mitte sowie im Bayerischen Wald sind nicht unerhebliche Regenmengen zu erwarten, die nicht selten zwischen 5 und 15, im Weststau vom Harz und dem Bergischen Land sogar um oder etwas über 20 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 12 Stunden liegen können.

Zu dem Regen gesellt sich auch etwas Wind, der aus Südwest bis West weht und an der Nordsee sowie in den nördlichen und zentralen Mittelgebirgen mitunter die erste Warnschwelle (7 Beaufort) erreicht. Über der nördlichen Mitte verläuft zudem ein Windmaximum in den unteren Luftschichten mit bis zu 45 Knoten in 925 Hektopascal Höhe und 50 Knoten in 850 Hektopascal Höhe, was einigen exponierten Hochlagen Böen der Stärke 8-9 Beaufort, dem Brocken sogar 10 oder eine “kleine” 11 Beaufort beschert.

Mit Ausnahme der höchsten Erhebungen im Bayerischen Wald bleibt die Nacht – wann gab es das das letzte Mal – komplett frostfrei. Im Westen liegen die Tiefstwerte teilweise sogar im zweistelligen Bereich.

Die Temperaturen steigen verbreitet auf 10 bis 15 Grad Celsius. Lediglich ganz im Norden und Nordosten, schwerpunktmäßig in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie allgemein an den Küsten, wird die thermische Euphorie etwas ausgebremst mit Höchstwerten von 4 bis 10 Grad Celsius. In der Nacht zum Montag schwenkt die Kaltfront süd-südostwärts über den Vorhersageraum hinweg.

☔ Regen-Vorschau

Wetter-Wissen kompakt

Warmluftadvektion (WLA)

Warmluftadvektion beschreibt den horizontalen Transport von warmer Luft durch den Wind. Stellen Sie sich vor, ein warmer Föhn weht über die Alpen – das ist Warmluftadvektion in Aktion. Die warme Luft wird dabei nicht zwangsläufig wärmer, sondern ersetzt lediglich kältere Luftmassen. Dies führt oft zu einem Temperaturanstieg, aber auch zu einer Zunahme der Luftfeuchtigkeit, was wiederum die Bildung von Wolken und Niederschlag begünstigt.

Okklusion

Eine Okklusion entsteht, wenn eine Kaltfront eine Warmfront einholt.

Die Kaltluft ist dichter und schwerer als die Warmluft und schiebt sich unter diese. Dadurch wird die Warmluft angehoben und von der Erdoberfläche abgeschnitten. Das Ergebnis ist eine komplexe Wetterlage mit wechselndem Niederschlag und oft auch starkem Wind. Die Okklusion markiert das Ende des Lebenszyklus eines Tiefdruckgebietes.

Stratiformer Regen

Stratiformer Regen ist ein großflächiger, anhaltender Niederschlag, der aus einer gleichmäßigen, schichtartigen Wolkendecke (Stratuswolken) fällt.

Im Gegensatz zu schauerartigen Niederschlägen ist die Intensität des stratiformen Regens meist gering bis mäßig, dafür hält er oft stundenlang an. Dieser Regen entsteht, wenn feuchte Luftmassen langsam und großflächig aufsteigen, beispielsweise an einer Warmfront.

Die wichtigsten Karten im Überblick

nord regen heute gen 13
nord wind heute gen 25
nord temp heute gen 27
nord wind morgen gen 13

REGENSUMME HEUTE (24h): Niederschlagsschwerpunkt nach Stadtwerten heute um 17.9 mm in Stralsund.

WINDBÖEN HEUTE (Nachm.): Diese Karte ergänzt die Lageeinschätzung für Norddeutschland.

TEMPERATUR HEUTE (15 Uhr): Die Spannweite reicht heute grob von 4°C in Sylt bis 11°C in Hannover. Typisch ist der Gradient zwischen See und Land.

WINDBÖEN MORGEN (Nachm.): Diese Karte ergänzt die Lageeinschätzung für Norddeutschland.

Wie wird das Wetter im Norden?

Niedersachsen & Bremen

In Niedersachsen und Bremen gestaltet sich der heutige Tag wechselhaft und regnerisch. Am Vormittag zieht der Regen der Warmfront ostwärts ab, bevor am Mittag die Kaltfront mit neuen Niederschlägen aufzieht. Sie müssen sich auf teils kräftigen Regen einstellen, besonders im Harzvorland, wo es zu Staueffekten kommen kann.

Die Höchsttemperaturen erreichen in Bremen und Oldenburg bis zu 11 Grad, in Hannover und Göttingen ebenfalls. Am Abend und in der Nacht bleibt es weiterhin regnerisch, wobei die Temperaturen nicht unter 8 Grad sinken. Achten Sie auf mögliche Windböen, die vor allem an der Küste und im Bergland auftreten können.

Schleswig-Holstein & Hamburg

Schleswig-Holstein und Hamburg erleben einen trüben Tag mit zeitweise kräftigem Regen. Die Temperaturen erreichen in Hamburg maximal 10 Grad, in Kiel und Flensburg liegen sie etwas niedriger. Besonders in der Region um Flensburg sind heute ergiebige Niederschläge von bis zu 14.8mm zu erwarten.

Am Nachmittag und Abend breitet sich der Regen weiter aus, während die Temperaturen kaum sinken. In der Nacht zum Montag bleibt es mild und regnerisch. Die Temperaturen fallen nicht unter 5 Grad. Beachten Sie, dass es auf den Inseln und Halligen stürmisch werden kann. Der Blick auf die Windböenkarte heute Nachmittag lohnt sich.

Mecklenburg-Vorpommern

Auch Mecklenburg-Vorpommern wird heute von Regen heimgesucht, wobei die Intensität im Tagesverlauf zunimmt. Besonders betroffen ist die Region um Stralsund, wo mit 17.9 Litern pro Quadratmeter die höchsten Niederschlagsmengen erwartet werden. Achten Sie auf mögliche Überflutungen oder Behinderungen im Straßenverkehr.

Die Temperaturen erreichen in Schwerin maximal 9 Grad, in Rostock nur 8 Grad. Am Abend und in der Nacht bleibt es weiterhin regnerisch, wobei die Temperaturen nicht unter 6 Grad sinken. Es ist mit starken bis stürmischen Böen an der Küste zu rechnen. In der Nacht besteht die Gefahr von örtlichem Starkregen. Die Regen-Summenkarte für heute gibt einen Überblick.

Mittelfristige Aussichten

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MOS 5‑Tage Prognosen

mos 1 spaghetti 35

Temperatur

mos 3 spaghetti 19

Windböen

Der 5-Tage-Trend im Detail

Wohin geht die Reise?

Die Temperaturtendenz für Norddeutschland zeigt klar nach oben. So steigen beispielsweise die Durchschnittstemperaturen in Emden von 9.8 Grad in der ersten Hälfte der kommenden fünf Tage auf 12.7 Grad in der zweiten Hälfte. Auch in Neubrandenburg ist ein deutlicher Anstieg von 7.5 auf 11.4 Grad zu verzeichnen.

Die MOS-Spaghetti-Diagramme bestätigen diesen Trend für die großen Städte: In Hamburg steigen die Temperaturen von durchschnittlich 6.9 auf 9.9 Grad, in Bremen von 8.0 auf 10.2 Grad und in Hannover von 8.4 auf 10.7 Grad. Auch in Rostock und Schwerin ist ein deutlicher Temperaturanstieg erkennbar.

Der Blick auf die Temperatur-Diagramme zeigt, dass es insgesamt milder wird.

Beim Wind zeichnet sich hingegen eine leicht abnehmende Tendenz ab, zumindest für die meisten Regionen. In Hamburg sinkt die durchschnittliche Windböenstärke von 27.3 auf 22.9 km/h, in Bremen von 32.3 auf 19.7 km/h und in Hannover von 31.0 auf 19.3 km/h. Lediglich auf Sylt ist ein leichter Anstieg der Windböen von 34.6 auf 37.2 km/h zu erwarten.

Fazit:

Norddeutschland steht ein ungemütliches Wochenende bevor. Tiefdruckgebiete vom Atlantik bringen viel Regen und Wind, besonders an der Küste. Die Temperaturen steigen zwar deutlich an, doch der Dauerregen trübt die Stimmung. In den kommenden Tagen bleibt es wechselhaft und mild, mit einer Tendenz zu noch höheren Temperaturen.

Die Hochwassergefahr in einigen Regionen sollte genau beobachtet werden. Meteorologen raten zu erhöhter Vorsicht im Straßenverkehr aufgrund von Aquaplaning und starken Windböen.

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Angelo D Alterio

Angelo D'Alterio analysiert seit dem Jahr 2013 professionell komplexe Wetterphänomene. Sein meteorologischer Schwerpunkt liegt auf der Synoptik und der Erstellung präziser Unwetterwarnungen. Im Jahr 2015 war er Mitgründer der Unwetteralarm Schweiz GmbH, wo er bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2021 als Chef-Meteorologe die fachliche Leitung innehatte. In dieser Zeit kooperierte er unter anderem mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann, um präzise Unwetterwarnungen für die Schweiz und Deutschland bereitzustellen (dokumentiert im Wikipedia-Eintrag von Kachelmann). Im Anschluss begleitete er maßgeblich den Aufbau der Meteoleitstelle Hessen, wo er bis heute seine Expertise bei der Auswertung lokaler Wettermodelle und der Herausgabe von verlässlichen Unwetterwarnungen einbringt. Aktuelle Wetter-Einschätzungen und fachliche Updates veröffentlicht Angelo D'Alterio regelmäßig auf seinen Profilen bei LinkedIn, Twitter/X, Facebook, Threads, Instagram und TikTok. More »
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