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Wo ist eigentlich der Winter hin?

Stellen Sie sich an dieser Stelle ein Bild von einem traurigen, schmelzenden Schneemann vor. Erinnern Sie sich an den Winter? Das ist jene Jahreszeit, in der wir morgens fluchend die Autoscheiben freikratzen und die kommende Heizkostenabrechnung fürchten. Aber dieser Winter hat gerade beschlossen: Er macht jetzt erst einmal Pause. Bis auf ein paar Alpentäler, in denen noch meterhoch der Schnee liegt, ist das weiße Zeug größtenteils Geschichte. Klingt komisch, ist aber so.

Wenn der Schnee weint

Statt Kälte strömt nun von Westen her sehr milde Luft zu uns. Und wenn milde Luft auf die spärlichen Reste von Schnee in den Mittelgebirgen trifft, dann schmilzt dieser Schnee. Er wird zu Wasser. Gleichzeitig schickt uns der Himmel noch mehr Wasser in Form von teils ergiebigem Regen. Was passiert, wenn sehr viel Wasser auf einmal nach unten drängt? Richtig, die Bäche und Flüsse schwellen zügig an. An einigen Orten haben wir deshalb bereits die Hochwasser-Meldestufen 1 und 2 für leichtes bis mäßiges Hochwasser erreicht. Das ist noch kein Grund, sofort eine Arche im Vorgarten zu zimmern. Wer jedoch nah am Wasser gebaut hat, sollte die Pegelstände vielleicht etwas aufmerksamer im Auge behalten als die Einschaltquoten der abendlichen Talkshows.

Die magische Wärmeglocke

Aber es gibt auch Nachrichten, die manch einer als positiv empfinden mag: Ab Mittwoch wird es warm. Ein starkes Hochdruckgebiet aus dem Mittelmeerraum baut sich auf und stülpt eine sogenannte „Wärmeglocke“ über Deutschland. Stellen Sie sich das vor wie einen gigantischen Föhn – glücklicherweise ausnahmsweise ohne dass Ihre Stromrechnung explodiert. Die Temperaturen klettern fast schon unnatürlich motiviert nach oben. Falls Sie das Privileg genießen, in Nordrhein-Westfalen (etwa im Ruhrgebiet oder der Eifel) oder in den tieferen Lagen Baden-Württembergs rund um Rhein und Neckar zu residieren, dürfen Sie sich auf Spitzenwerte von fast 20 Grad einstellen. Mitten im Februar. Völlig normal, nicht wahr?

Die zwei Spielverderber

Moment, 20 Grad? T-Shirt herauskramen, den Grill anfeuern? Immer mit der Ruhe. Wir haben da noch zwei entscheidende Wetter-Hindernisse, die uns diesen frühen Frühlingsausbruch gehörig dämpfen könnten.

Das erste Hindernis nennt sich schlichtweg: Februar. Kalendarisch haben wir nämlich noch gar keinen Frühling. Und der Februar liebt seinen hartnäckigen Frühnebel. Wenn Sie in einem Tal oder einer Niederung wohnen und dieser feuchte, graue Nebelkater sich am Morgen nicht rasch auflöst, dann blockiert er die Sonne. Dann wird es nichts mit den 20 Grad. Stattdessen bleibt das Thermometer bei kühlen 10 Grad hängen, und Sie frieren im T-Shirt.

Und dann gibt es da noch Hindernis Nummer zwei: Den Saharastaub.

Ja, Sie haben richtig gehört. Pünktlich zur warmen Strömung aus Nordafrika und Südwesteuropa stattet er uns einen Besuch ab. Sollten Sie nun den unwiderstehlichen Drang verspüren, vor geheimen Chemtrail-Flotten, staatlicher Wettermanipulation durch Laser-Satelliten oder feinstem, von der Elite gesteuerten Geo-Engineering-Staub zu warnen… herzlichen Glückwunsch. Ihr Platz in den Tiefen einschlägiger Telegram-Gruppen ist Ihnen sicher.

Für alle anderen, die es vorziehen, in der meteorologischen Realität zu verweilen: Es handelt sich schlichtweg um eine beachtliche Menge feinen Sand aus der Wüste. Dieser wird durch starke Höhenwinde völlig natürlich und bedauerlicherweise ganz ohne implantierte Mikrochips zu uns nach Mitteleuropa transportiert. Schockierend unspannend, ich weiß. Dieser Staub bildet in den höheren Luftschichten dichte Schleierwolken und dämpft die Sonneneinstrahlung spürbar. Wenn der Wüstensand den Himmel also zu sehr eintrübt, fallen die erhofften Höchsttemperaturen rasch um ein bis zwei Grad niedriger aus. Die einzigen, die dieser meteorologische Zufall in wahre Ekstase versetzt, sind übrigens die Betreiber lokaler Waschstraßen. Ob die am Ende hinter all dem stecken? Man weiß es nicht…

Was lernen wir heute? Der Winter ist vorerst passé. Es steht uns eine außergewöhnlich milde Woche bevor, deren Temperaturen deutlich über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Ob Sie jedoch wirklich schon im T-Shirt den puren Sonnenschein genießen können, hängt letztendlich stark davon ab, wie schnell die Sonne die morgendlichen Nebelfelder vertreibt – und wie intensiv der absolut unverschwörerische Sand aus Afrika unseren Himmel verschleiert.

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Melanie Hofmann

Melanie Hofmann (Jahrgang 1983) ist erfahrene Meteorologin und verantwortet als Leitende Audio-Redakteurin die Podcast-Produktion der Meteozentrale. Als Host und offizielle Stimme des "Meteozentrale Wetter-Briefings" ist sie darauf spezialisiert, hochkomplexe synoptische Modelldaten und amtliche Warnlagen in präzise, faktenbasierte Audio-Analysen zu übersetzen. Ihr Fokus liegt dabei auf der strikten Verbindung von meteorologischer Fach-Expertise und modernem Datenjournalismus. Mit ihrer klaren, sachlichen Warn-Kommunikation stellt Melanie Hofmann sicher, dass Öffentlichkeit, Medienpartner und Entscheidungsträger auch akustisch stets auf dem neuesten Stand der Gefahrenabwehr und der aktuellen Wetterlage sind. More »
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