Panorama

Warum wir die Hitzekrise endlich als Katastrophe begreifen müssen.

Die drückenden Rekordtemperaturen der vergangenen Jahre machen eines unmissverständlich klar: Extreme Hitze ist keine Einladung zum unbeschwerten Sommerurlaub, sondern eine handfeste und lebensbedrohliche Naturkatastrophe.

Die drückenden Rekordtemperaturen der vergangenen Jahre machen eines unmissverständlich klar: Extreme Hitze ist keine Einladung zum unbeschwerten Sommerurlaub, sondern eine handfeste und lebensbedrohliche Naturkatastrophe.

Doch während das Krisenbewusstsein in der Bevölkerung wächst, offenbart die politische Führung ein erschreckendes Defizit an Empathie und Tatkraft. In einem pointierten Kommentar für die tagesschau legt Georg Schwarte aus dem ARD-Hauptstadtstudio den Finger in diese offene Wunde und rechnet mit dem aktuellen Phlegma in den Staatskanzleien und Ministerien ab.

Besonders plastisch beschreibt Schwarte die verzerrte Wahrnehmung im politischen Krisenmanagement. Wenn Flüsse über die Ufer treten und Hochwasser ganze Regionen verwüsten, dauert es meist nicht lange, bis Spitzenpolitiker in Gummistiefeln vor die Kameras treten, um Betroffenheit zu signalisieren. Bei einer Hitzewelle hingegen bleibt der medienwirksame Aufschrei aus. Stattdessen inszeniere sich beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lieber gut gelaunt im Freibad und verbreite banale Ratschläge wie „Bei Hitze hilft Schwimmengehen“. Angesichts der realen Gefahr wirkt ein solcher Umgang fast schon zynisch.

Denn die Opfer dieser Katastrophe sterben im Verborgenen. Der ARD-Journalist erinnert eindringlich an die verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft: ältere, pflegebedürftige oder demenzkranke Menschen. Sie verspüren oft kein ausreichendes Durstgefühl mehr, dehydrieren still in ihren Wohnungen oder erliegen einem Kreislaufkollaps – oft unbemerkt von der Nachbarschaft. Um der grassierenden Ignoranz und den hasserfüllten Vorwürfen einer vermeintlichen „Klimahysterie der Systempresse“ im Netz etwas entgegenzusetzen, wählt Schwarte ein drastisches Bild: Womöglich müssten die Hitzetoten erst vor den Rathäusern und Regierungsgebäuden aufgebahrt werden, damit die Verantwortlichen den Ernst der Lage begreifen.

Wie absurd die Prioritäten in unserem Alltag verschoben sind, zeigt ein Blick in die Praxis. Während im Supermarkt jede Salatgurke in einer lückenlos klimatisierten Lieferkette geschützt wird, sind Herzpatienten in der Geriatrie oft auf feuchte Waschlappen angewiesen, und Schulkinder müssen den Unterricht in stickige Keller verlegen. Die Notwendigkeit einer umfassenden „Klimaanpassung“ ist dabei längst kein Modewort mehr, sondern sogar im Koalitionsvertrag verankert. Dort verpflichteten sich die Regierungsparteien, die Anpassung als „Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern“ zu prüfen. Doch das Ergebnis ist ernüchternd: Es wird vor allem geprüft, anstatt gehandelt.

Schwartes Kritik richtet sich dabei auch konkret gegen einzelne Akteure wie Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Zwar könne man den Minister nicht für das Wetter verantwortlich machen, wohl aber für das darauffolgende Abschieben der Zuständigkeiten. Die Argumentation, Klimaanpassung sei reine Ländersache und die Kommunen seien durch Sondervermögen ausreichend finanziert, greift zu kurz und sorgt für berechtigte Empörung. Das laute Schweigen aus dem Bundeskanzleramt wiegt schwer. Wenn zeitgleich die Deutsche Bahn ihre Fahrgäste anfleht, das Reisen ganz zu unterlassen, und schmelzender Asphalt den Nahverkehr lahmlegt, entwickelt sich das Infrastrukturversagen laut Schwarte schleichend zu einem handfesten Problem für die Demokratie.

Trotz aufplatzender Autobahnen und evakuierter Pflegeheime scheinen viele Akteure das Wort „Klimaschutz“ mittlerweile fast schon peinlich berührt zu meiden. Dass inmitten dieser existenziellen Krise der Wirtschaftsflügel der CDU sogar fordert, die gesteckten Klimaziele zugunsten der Wirtschaft nach hinten zu verschieben, verurteilt der ARD-Korrespondent als einen Luxus, den wir uns schlicht nicht leisten können.

Sein Fazit ist ebenso logisch wie dringlich: Während ein konsequenter Klimaschutz langfristig das Überleben kommender Generationen sichert, rettet eine sofortige und entschlossene Klimaanpassung Menschenleben im Hier und Jetzt. Denn eines steht fest: Hitze kostet nicht nur Geld, sie tötet.

Den vollständigen und lesenswerten Original-Kommentar von Georg Schwarte finden Sie auf den Seiten der Tagesschau unter folgendem Link: https://www.tagesschau.de/kommentar/klima-hitze-bund-laender-100.html

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